Vergessene Werkstatt da Vincis entdeckt?
28.01.2005 12:57 Uhr
Es klingt wie der Stoff für einen Krimi: In einem alten italienischen Kloster findet ein Kunstexperte einen vermauerten Treppenaufgang. Die Stiegen führen in Räume, bei denen es sich um eine bisher unbekannte Werkstatt von Leonardo da Vinci handeln könnte. In Dan Browns Thriller "Sakrileg" gibt Leonardo da Vinci dem Helden knifflige Rätsel auf. Nun könnten italienische Forscher ein reales Geheimnis gelüftet haben: Sie haben vielleicht eine vergessene Werkstatt des Renaissance-Genies gefunden. Am Ende eines zuvor zugemauerten Treppenaufgangs in einem italienischen Kloster fanden sie fünf Räume, verziert mit bunten Fresken, die an Kunstwerke Leonardo da Vincis erinnern. Eine Werkstatt des Meisters?
Roberto Manescalchi, Restaurator beim italienischen Institut für Militärgeografie in Florenz, ist überzeugt, im Gebäude seines Arbeitgebers einen solchen Fund gemacht zu haben. "Es ist schon ein bisschen absurd, wenn man bedenkt, dass wir das Jahr 2005 schreiben und jetzt eine Werkstatt von einem der größten Künstler aller Zeiten finden. Aber genau das ist geschehen."
Manescalchi hat gute Gründe für seine Annahme. Die Anlagen des Instituts gehörten früher zum Serviten-Kloster Santissima Annunziata, wo da Vinci von 1501 bis 1502 ein Studio unterhielt. Er sollte im Auftrag der Mönche ein Altarbild malen.
Zudem gibt es große Ähnlichkeiten zwischen den Fresken in den fünf Räumen und den bekannten Werken da Vincis. In einem farbenprächtigen Fresko fehlt eine Figur. Nur ihre Umrisse sind zu sehen, und sie entsprechen genau denen von Erzengel Gabriel in da Vincis "Verkündigung", die heute im Uffizi-Museum in Florenz hängt.
Manescalchi kann nicht genau sagen, ob das Fresko mit der Silhouette nie vollendet wurde oder ob man den Engel später entfernt hat. Andere Wandgemälde zeigen Vögel, die denen in da Vincis "Codex Atlanticus" ähneln. Der Codex ist eine 1286 Seiten dicke Sammlung von Studien, Zeichnungen und Schriften des Künstlers und Forschers.
Schüler gingen Leonardo zur Hand
Trotz der Parallelen zwischen den Fresken und bekannten Werken ist unklar, ob da Vinci die jetzt entdeckten Kunstwerke selbst angefertigt hat. In den Werkstätten der großen Meister waren immer Schüler beschäftigt, die ihren Lehrern oft zur Hand gingen. Kunstexperten wie etwa Keith Christiansen, Kurator für europäische Malerei am Metropolitan Museum in New York, warnen davor, die Bilder ohne eingehende Analyse zu echten da Vincis zu erklären.
Manescalchi entdeckte in der Werkstatt auch eine kleine Geheimkammer. Er vermutet, dass da Vinci dort anatomische Studien an menschlichen Leichen vorgenommen hat. Solche wissenschaftlichen Arbeiten waren in der Renaissance äußerst umstritten.
Es besteht die Möglichkeit, dass da Vinci in der nun entdeckten Werkstatt auch sein berühmtestes Gemälde begann: die Mona Lisa. Kunsthistoriker sind sich einig, dass auf dem weltbekannten Bild Lisa Gherardini, die Frau eines Florentiner Kaufmanns, zu sehen ist. Die Familie Gherardini besaß eine private Kapelle im Kloster Santissima Annunziata.
Allerdings hat der Künstler und Erfinder sehr lange an dem Gemälde gearbeitet. Es wurde wahrscheinlich nicht in Florenz fertig gestellt, weil da Vinci die Stadt 1502 verließ. Er war als Ingenieur in die Dienste des Fürsten Cesare Borgia getreten und musste deshalb an verschiedenen Orten in Mittelitalien arbeiten. Das Altarbild in Santissima Annunziata stellte da Vinci nie fertig. Die Mönche übergaben den Auftrag anderen Künstlern.
(My)
Quelle : Spiegel
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