UFO - Anatomie eines Phänomens (1)
Ein Artikel von Dennis Kirstein
05.10.2004 02:00 Uhr
30. Oktober 1938. "Ich sehe zwei leuchtende Scheiben, die aus einem Loch herausspähen... könnten es Augen sein? Ob das ein Gesicht ist? Es könnte... gütiger Himmel, da windet sich etwas aus dem Schatten, wie eine graue Schlange. Jetzt noch eine zweite... und noch eine ... und noch eine... sie sehen wie Tentakeln aus. Jetzt kann ich den Körper des Dingens sehen... Es... meine Damen und Herren... ist unbeschreiblich. Ich kann kaum hinschauen, so furchtbar ist es!"
Die oben beschriebene Szene stammt aus H.G.Wells Hörspiel "Der Krieg der Welten". Eigentlich ein ganz normales Hörspiel. Doch es sollte anders kommen. Der Zeitpunkt war günstig gewählt, schließlich war es nur noch ein Tag bis Halloween, da passte ein Gruselhörspiel genau in das Programm. Andererseits lebte die Weltöffentlichkeit, so auch die USA, durch Hitlers Taten in Deutschland in großer Angst und Unsicherheit. Keiner wusste so genau, was morgen hätte alles passieren können. Durch diese und weitere Umstände geschah, was später für Schlagzeilen in allen Ländern der Welt sorgte.
Es war am Abend des 30.Oktober 1938 und womöglich wäre nichts geschehen, wenn in der beliebten Charly McCarthy-Show nicht wieder einmal eine Gastsängerin aufgetreten wäre, die keiner hören wollte. So aber drehten die meisten Hörer auf einen anderen Sender. Es spielte ein lateinamerikanisches Orchester als nach einigen Takten die Musik verstummte und sich ein Sprecher meldete: Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unser Programm mit Tanzmusik und bringen ihnen eine spezielle Nachricht vom internationalen Nachrichtendienst. 20 Minuten vor 8 Uhr mittelamerikanischer Zeit hat Professor Farrell vom Mount Jennings Observatorium in Chicago, Illinois, mehrere Explosionen hellleuchtenden Gases in regelmäßigen Abständen auf dem Mars beobachtet. Es scheint Wasserstoff zu sein, der sich mit großer Geschwindigkeit auf die Erde zu bewegt". Es folgte wieder Musik. Wer das Hörspiel von Anfang an verfolgte wusste, dass es sich eben nur um ein Hörspiel handelte, doch viele schalteten erst jetzt zu. Die Musik unterbrach ein weiteres Mal und es meldete sich ein Sprecher aus Grover´s Mill in New Jersey. Im Hintergrund konnte man Schreie aus einer Menschenmenge und Polizeisirenen hören. Der Sprecher berichtete, dass auf dem Grundstück des Farmers Wilmuth ein zylindrischer Körper eingeschlagen sei. Aus dem Inneren des Objekts kommt ein Summton. Plötzlich beginnt sich eine Platte am oberen Ende zu drehen. Mittlerweile haben Millionen von Amerikanern zugeschaltet und hören dem Sprecher gespannt zu. "Meine Damen und Herren, das ist das Schrecklichste, das ich je gesehen habe. Warten sie einen Augenblick. Irgend jemand kommt aus dem hohlen Körper, irgend etwas. Ich kann sehen, wie aus dem schwarzen Loch zwei Scheiben leuchten. Sind es Augen ? Es kann ein Gesicht sein. Es kann..., um Gottes Willen, aus dem Dunkeln kriecht etwas heraus, wie eine graue Schlange. Jetzt kommt noch eines und noch eines. Sie sehen wie Tentakeln aus. Jetzt kann ich den ganzen Körper sehen. Es ist groß wie ein Bär und schimmert wie nasses Leder. Aber das Gesicht! Es ist nicht zu glauben. Ich kann mich kaum zwingen, weiter hinzuschauen. Die Augen sind schwarz und schimmern wie die einer Schlange. Der Mund ist V-förmig, Speichel tropft von seinen randlosen Lippen, die zittern und pulsieren. Das Untier oder was es auch immer ist kann sich kaum bewegen. Es scheint heruntergedrückt zu werden, wahrscheinlich durch die Schwerkraft. Jetzt steht es auf, die Menge weicht zurück. Ich habe noch nie so etwas Fürchterliches gesehen. Ich finde keine Worte. Jetzt muss ich unterbrechen. Ich spreche weiter, wenn ich eine neue Position habe. Bleiben sie bitte eingeschaltet. In einer Minute bin ich wieder da". Es folgten Angstschreie von Hunderten von Menschen.
Viele Hörer, die erst in das laufende Hörspiel eingeschaltet hatten gerieten in Panik und waren von der scheinbaren Authentizität des Berichtes überzeugt. Erst ein Jahr zuvor hörten zig Millionen von Amerikanern zu, wie die Hindenburg in Lake Hurst vor den Augen Hunderter Zuschauer in Flammen aufging. Panik brach im gesamten Osten der Vereinigten Staaten aus. Viele glaubten an eine Invasion der Marsianer. Hunderte strömten in New York in die Bahnhöfe und zu den Bushaltestellen, um die Stadt schnellstmöglich zu verlassen. In Harlem drängten die Menschen in die Kirchen und beteten. In Pittsburgh findet ein Mann seine Frau tot auf der Toilette mit einer Flasche Gift in der Hand. Niemand vom Radiosender ahnte zuvor, was für Konsequenzen ihr Hörspiel mit sich bringen würde. Kurz danach erschien die Polizei im Sender und nahm das gesamte Team fest und beschlagnahmte alle Manuskripte und Notizen. Spätere Umfragen haben ergeben, das rund 20 % der über sechs Millionen Zuhörer das Hörspiel für authentisch hielten und wirklich mit einer Invasion von Marsianern rechneten. Das Ereignis 1938 zeigte, dass schon zur damaligen Zeit die Menschen bereit waren an außerirdische Lebewesen von fremden Planeten zu glauben. Doch es dauerte neun weitere Jahre bis ihre Fantasie neue Nahrung erhielt.
to be continued . . .
(Lesen Sie morgen Teil 2)
(DK)
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